Xenu (gelegentlich auch Xemu) ist nach der Lehre von Scientology ein galaktischer Herrscher, dessen 75 Millionen Jahre zurückliegenden Taten das heutige Leben auf der Erde maßgeblich beeinflussen. Die Geschichte von Xenu ist Teil des Glaubens von Scientologen an außerirdische Zivilisationen und Eingriffe fremder Wesen in die Ereignisse auf der Erde.
Xenu geht auf das belletristische Werk von L. Ron Hubbard – zum Genre der Science-Fiction-Literatur zählend – zurück. Hubbard war der Erfinder und Begründer von Scientology. Sie ist u. a. Grundlage des 1968 beginnenden und bis heute andauernden Gebrauchs von Vulkanen als Symbol für Scientology und Dianetik. Die Geschichte von Xenu wird in dem Kurs „Operating Thetan, Level III“ (OT III) berichtet, einem Teil der „fortgeschrittenen Technologie“ Scientologys, die im Rahmen des Scientology-Kursprogramms nur fortgeschrittenen Mitgliedern gelehrt wird.1)
Zahlreiche Kontroversen zwischen Unterstützern und Kritikern Scientologys haben sich mit der Geschichte von Xenu befasst. Scientology selbst vermeidet es bis heute, Xenu in öffentlichen Äußerungen zu erwähnen und unternahm beträchtliche Anstrengungen, um die Geschichte von Xenu geheim zu halten, einschließlich von Gerichtsverfahren aufgrund der Verletzung von Urheberrechten und Geschäftsgeheimnissen. Scientology verhält sich indessen nicht ganz einheitlich. Teilweise leugnet sie die Existenz von Xenu vollständig, teilweise wird auch versucht, die Bedeutung von Xenu in der Außendarstellung zu relativieren.
Detailliert wird die Geschichte von Xenu in Hubbards vertraulichem Vortrag Assists (Hilfestellungen) vom 3. Oktober 1968 abgehandelt. Direkte Zitate in diesem Abschnitt sind aus diesen Quellen.
Vor 75 Millionen Jahren war Xenu der Herrscher einer galaktischen Konföderation, die aus 26 Sternen und 76 Planeten, die heute als Sektor 9 bekannt sind, bestand, einschließlich der Erde, die damals als Teegeeack bekannt war. Die Planeten waren überbevölkert, auf jedem lebten durchschnittlich 178 Milliarden Menschen. Die Zivilisation der galaktischen Konföderation war mit der unsrigen vergleichbar mit Leuten „die in Kleidern herum liefen, die den Kleidern, die sie am heutigen Tag tragen, bemerkenswert ähnlich sind“2) und Autos, Zügen, und Schiffen die genau so aussahen wie die „circa 1950, 1960 auf der Erde.“
Xenu war in Gefahr, abgesetzt zu werden, und so arbeitete er einen Plan aus, die überschüssige Bevölkerung aus seinem Herrschaftsbereich zu eliminieren. Mit der Hilfe von „Überläufern“3) besiegte er die Bevölkerung und die „loyalen Offiziere“,4) eine Kraft für das Gute, die in Opposition zu Xenu stand. Mit der Hilfe von Psychiatern ließ er Millionen von Menschen unter dem Vorwand einer „Einkommensteuer-Inspektion“5) vorladen, um sie mit Injektionen von Alkohol und Glykol zu lähmen. Die gekidnappte Bevölkerung wurde in Raumschiffe verladen um sie nach Teegeeack (Erde) zu transportieren, dem vorgesehenen Ort der Vernichtung. Diese Raumschiffe waren exakte Kopien der Douglas DC-8 „außer dass die DC-8 Triebwerke und Propeller hatte und das Raumschiff nicht“6) Die DC-8 ist ein Düsenflugzeug, kein Propellerflugzeug, aber Hubbard könnte die Turbinenschaufeln gemeint haben.
Nachdem die Raumschiffe Teegeeack erreicht hatten, wurden die gelähmten Leute ausgeladen und über den ganzen Planeten verteilt am Fuß von Vulkanen aufgehäuft. Dann wurden Wasserstoffbomben in die Vulkane versenkt, die alle gleichzeitig detonierten. Nur wenige körperliche Wesen überlebten.
Die jetzt entkörperten Seelen der Opfer, die Hubbard „Thetane“ nennt, wurden durch die Explosion in die Luft geblasen. Sie wurden durch Xenus Streitkräfte mittels eines „elektronischen Bands (das auch eine Art von stehender Welle war)“7) und in „Vakuum-Zonen“ um die Erde herum eingesaugt. Die Hunderte von Milliarden gefangenen Thetane wurden zu einer Art Kino gebracht, wo sie gezwungen wurden, 36 Tage lang einen „dreidimensionalen superkolossalen Film“8) anzusehen. Das pflanzte in das Gedächtnis der unglücklichen Thetane etwas ein, was Hubbard „verschiedene irreführende Informationen“9) nannte, die kollektiv als „R6 Implant“ bezeichnet werden, „was mit Gott, dem Teufel, Science Fiction usw. zu tun hat“.10) Das schloss alle „Weltreligionen“ ein, wobei Hubbard insbesondere die römisch-katholische Kirche und das Bild der Kreuzigung auf den Einfluss von Xenu zurückführt. Die Innendekoration „aller modernen Kinos“11) ist gemäß Hubbard ebenfalls verursacht durch eine unbewusste Erinnerung an Xenus Implants. Die beiden „Implant-Stationen“, die Hubbard erwähnt, hätten sich auf Hawaii und Las Palmas auf den Kanarischen Inseln befunden.
Abgesehen vom Einpflanzen neuer Glaubensinhalte in die Thetans wurden sie durch die Bilder ihres Identitätssinnes beraubt. Als die Thetane die Projektionsgebiete verließen, begannen sie sich in Schwärmen von einigen Tausend zu gruppieren, da sie die Fähigkeit verloren hatten, sich voneinander zu differenzieren. Jeder Schwarm von Thetans sammelte sich in einem der wenigen Körper, die die Explosion überlebt hatten. Diese wurden das, was als „Körperthetane“ bezeichnet wird, die sich bis heute an jedermann anhängen und ihn nachteilig beeinflussen, abgesehen von den Scientologen, die die nötigen Schritte ausgeführt haben, um sie zu entfernen.
Die „Loyalen Beamten“ stürzten Xenu schließlich und schlossen ihn in einen Berg, wo er für immer gefangen gehalten wird durch ein Kraftfeld, das von einer ewigen Batterie Energie bezieht. Manche behaupten, Xenu sei auf der Erde in den Pyrenäen gefangen, aber Hubbard erwähnt nur „einen dieser Planeten“12) der galaktischen Konföderation. Er erwähnt jedoch, dass die Pyrenäen der Ort gewesen seien, wo sich die letzte „Mars-Rapport-Station“13) befunden habe, was vermutlich die Ursache dieser Verwirrung ist.14)
Teegeeack/Erde wurde schließlich von der galaktischen Konföderation verlassen und blieb bis heute ein ausgestoßener Gefängnisplanet,15) obwohl sie zwischenzeitlich wiederholt unter feindlichen Einfällen durch außerirdische „invader forces“ gelitten hat.
In OT III führt Hubbard die Orte auf der ganzen Welt auf, wo Xenus Genozid stattfand, abgesehen von den beiden Implant-Stationen auf Hawaii und La Palma. Die Vulkane, die Xenu in die Luft jagte, sollen gewesen sein in:
Kritiker wiesen darauf hin, dass viele der von Hubbard erwähnten Vulkane vor 75 Millionen Jahren gar nicht existiert haben und dass andere Regionen, insbesondere Tanger und der Himalaja, keine Geschichte von vulkanischer Aktivität haben. Es ist möglicherweise kein Zufall, dass Hubbard bereits viele der Orte besucht hatte, wo Xenu angeblich wirkte; tatsächlich gab er OT III bekannt, als seine private Flotte bei La Palma lag, wobei er erklärte, Xenus wichtigste Implant-Station habe sich auf der Hauptstraße der Hauptstadt der Insel befunden.
Innerhalb von Scientology bezeichnet man die Xenu-Geschichte als die „Feuerwand“ oder als „Incident II“. Hubbard maß ihr eine ungeheure Bedeutung zu und erklärte, in ihr bestehe „das Geheimnis einer Katastrophe, deren Resultat der Niedergang des Lebens wie wir es kennen, in diesem Teil der Galaxis war“.16)17) Die groben Züge der Geschichte von Xenu – dass vor 75 Millionen Jahren in diesem Sektor der Galaxis eine große Katastrophe stattfand, die seither tiefgehende negative Wirkungen auf jedermann ausübt – werden auch gegenüber Scientologen auf niedrigeren Stufen eingeräumt. Die Einzelheiten jedoch werden innerhalb von Scientology streng vertraulich behandelt.
Hubbard behauptete, er sei der Erste gewesen, der einen präzisen Weg durch die „Feuerwand“ kartiert habe, „wahrscheinlich der Einzige in 75.000.000 Jahren, dem es je gelang“.18) Er gab diesen „Durchbruch“ erstmals öffentlich in Ron’s Journal 67 (RJ67) bekannt, einem Tonband, das Hubbard am 20. September 1967 aufnahm, um es an alle Mitglieder von Scientology zu schicken. Nach Hubbard ging dieser „Forschungsdurchbruch“ auf Kosten eines gebrochenen Rückens und gebrochener Knie und Arme. OT III enthält eine Warnung, dass der R6 Implant „berechnet ist, jeden umzubringen (durch Lungenentzündung usw.), der versucht, ihn zu lösen“.19) In Ron's Journal 67 deutet Hubbard die verheerende Wirkung von Xenus Genozid an: :„Und es ist sehr wahr, dass vor 75 Millionen Jahren auf diesem Planeten und den anderen 75 Planeten, die diese [galaktische] Konföderation bildeten, eine große Katastrophe geschah. Er war seither eine Wüste, und es ist das Los einer Handvoll Leute gewesen, zu versuchen, seine Technologie auf eine Stufe zu bringen, wo jemand sich nach vorne wagen, die Katastrophe durchdringen und ungeschehen machen kann. Wir sind auf dem Weg, das zu schaffen.“20)
OT III befasst sich auch mit Incident I, der angeblich vor vier Billiarden Jahren – was über 250.000 Mal mehr als das Alter des Universums nach gegenwärtigem wissenschaftlichem Konsens ist – geschah. In Incident I wurde der nichts Böses ahnende Thetan einem lauten schnappenden Geräusch unterworfen, gefolgt von einer Flut von Licht und dann einem Wagen, dem ein trompetender Cherub folgte. Nach einer weiteren Folge lauter schnappender Geräusche wurde der Thetan durch Dunkelheit überwältigt. Dies wird bezeichnet als der „Implant“, der die Tür zu diesem Universum öffnete, womit gemeint ist, dass diese traumatischen Erinnerungen das sind, was die Thetane von ihrem statischen (natürlichen, gottähnlichen) Zustand trennt.
Hubbard verwendete die angebliche Existenz von Körperthetanen, um viele der körperlichen und mentalen Gebrechen der Menschheit zu erklären, die, wie er sagte, die Leute davon abhalten, ihre höchsten geistigen Stufen zu erreichen. OT III bringt dem Studenten bei, die Körperthetane zu entfernen, indem er sie zum Bewusstsein ihrer Individualität bringt: „Man muss sie reinigen, indem man Incident II und Incident I behandelt.“21) Der Student wird angewiesen, einen Schwarm von Körperthetanen zu finden, ihn „telepathisch“ als Schwarm anzusprechen und zuerst den Schwarm und dann die einzelnen Mitglieder des Schwarms durch Incident II zu bringen, dann wenn nötig durch Incident I. Hubbard warnt, dass das eine mühsame Prozedur sei, und die OT Stufen IV bis VII fahren in dem langen Prozess fort, die eigenen Körperthetane zu behandeln.
Scientology ist dagegen, dass die Xenu-Geschichte dafür verwendet wird, Scientology als bloße Science-Fiction-Fantasie darzustellen.22) Sie zeigt jedoch deutlich die Beziehungen auf, die zwischen Scientology und der Welt der Science Fiction bestehen und die während der ganzen Geschichte der Organisation sichtbar waren.
Hubbards Aussagen bezüglich des R6 Implants waren eine Quelle für Auseinandersetzungen und Konflikte zwischen der Scientology Kirche und ihren Kritikern, wobei viele Kritiker und Christen sagen, dass Hubbards Aussagen bezüglich R6 beweisen, dass die Lehre von Scientology mit dem Christentum nicht vereinbar sei,23) obwohl die Organisation das Gegenteil behauptet.24) In Assists sagt Hubbard:
„Es zeigt sich, dass jedermann gekreuzigt wurde, daher denkt nicht, dass es ein Zufall ist, dass diese Kreuzigung, sie fanden heraus, dass sich das anwenden ließ. Jemand, irgendwann auf diesem Planeten fand etwa 600 v. Chr. irgendwelche Stücke von R6, und ich weiss nicht, wie sie es gefunden haben, entweder in dem sie Verrückte beobachtet haben oder so etwas, aber seither haben sie es verwendet und es wurde das, was als Christentum bekannt ist. Der Mann am Kreuz. Es gab keinen Christus. Aber der Mann am Kreuz erweist sich als jedermann.“25)